* vor 1870
Die Muse reichte lächelnd mir
die Feder
Und legt’ auf meine Schulter
ihre Hand.
Ein wallend Feuer zog durch
mein Geäder,
Dieweil sie hohen Hauptes bei
mir stand.
Es floß ihr Wort in ungehemmte
Züge
Und füllte süßen Klangs ein
lauschend Blatt.
Ich sah mich um zur Feindin
aller Lüge,
Gestillten Geistes und das
Herze satt.
Versuch’ ich’s wohl, ihr Auge
festzuhalten,
Das wie aus blauer Ferne
niedersah?
Es sog mein Blut in dämmernde
Gestalten
Und zog entselbstet mich dem
Äther nah,
Und alle Wehen, die sein Mark
zerrissen,
Ergoß mein Herz in Schauen und
in Wissen.
* vor 1870
Ich schaue diese Welt im
Wunderspiegel
Und meinem Geist gebiert sie
die Gestalten.
Ein finstres Los seh’ ich die
Zeit entfalten
Und meine Stirne krönt des
Wahnes Siegel.
Doch meine Stirne krönt des
Wahnes Siegel.
Gelähmt und kraftlos treffen
mich Gewalten.
In Herrschersinn und
Sklavenleid gespalten
Verwünsch’ ich meines
Ursprungs Hexentiegel.
Mein Gaumen lechzt nach jenem
Feuertranke,
Der Taten gießt in
heißdurchwallte Adern,
Hinab zur Walstatt reißt ein
prüfend Zaudern.
Mich aber treibt die See, die
sturmesschwanke,
Wo ich bestaune wilder Schäume
Hadern
Und meines Schiffbruchs harre,
bleich, mit Schaudern.
* vor 1870
Mein Gram ist stumm; denn
dieses Herz ist spröde
Und pflegt mit Sternen stille
Zwiesprach nur.
Wie’s auch erbebe scheu in
bängster Öde,
Nicht weisen Blick und Mund
Verräterspur.
Denn tief bewußt gebietender
Gesetze,
Die seinen Lebenspulsen
einverleibt,
Läßt es den Dämon weben
Schicksalsnetze,
Wenn er sie warnet oder
schneller treibt.
Doch weil zu wandeln nicht die
Lenkgewalten,
Der Bund besiegelt jener Not
und Hast,
Als ich in
dämmrungsschwangerem Entfalten
Mit Dank die dunkle Helferhand
gefaßt:
Sei, was kein Feilschen
mindert, ausgetragen,
Geheime Lust erkauft mit
stillen Plagen.
* vor 1870
Mich kümmern wenig graue
Göttersagen,
Um die betäubend Priesterhader
schwillt,
Äonen messend nach
Minutentagen,
Am Lauterborn der Wahrheit nie
gestillt.
Mich lassen kalt die eitlen
Denkerfragen;
der Zeit Idol, dem
Menschenringen gilt;
Kalt all ihr Werben, Hoffen,
Zürnen, Wagen,
Was ihre Zunge preiset, was
sie schilt.
Zum Kelch der Blume rolle
meine Träne,
Mein Seufzer sei im Hauch der
Nacht entführt,
Aus Sternen lächle, Reich, das
ich ersehne,
Und was an Leid und Lust das
Innre rührt,
Dies sei das Buch, das frei
die Hand beschwöret,
Von keinem Wahn und keinem
Wort betöret.
* vor 1870
Laß stumpfen Pöbel sich an
Götzen weiden,
Das Knie zu scheuem
Knechtesdienst gebeugt.
Dir nennt das Herz, was reine
Seelen meiden;
Der Frevel ist’s, der Wahn und
Herren zeugt.
Betaut vom Schimmer ew’ger
Schöpfersterne
Stimmst du das Weihelied der
Brüderschaft.
Mit tausend Lichtern winkt die
freie Ferne,
Wenn du des Weihrauchs Fratzen
dich entrafft.
Von Ammenwitzgespenstern nicht
ein Glauber,
Von nüchternem
Pedantenübermut,
Ehrst du der Welt stets
gegenwärt’ge Zauber,
Die götternährend im Ureignen
ruht.
So wird Natur in Wundern sich
entfalten
Und Wirklichkeit lebend’gen
Traum gestalten.
* vor 1870
Dein Herr, o Erde, ist ein
Geist der Lüge
Und haucht Verblendung in der
Herzen Tiefe.
Sein blindes Netz verfälscht
urew’ge Züge,
Ob auch die Wahrheit aus den
Steinen riefe.
Irrsalerzeugend trübt er blöde
Blicke,
Erhöht ein Wahngebild zum
Weisheitsschatze;
Den Zungen leiht er
gleisnerische Tücke,
Täuscht mit der Weihe
nachgeäffter Fratze.
Ich aber will, im Auge wüstes
Elend
Und seine Allmacht,
schmeichlerischen Banden,
Dem Weh fortan, dem Jubel mich
entwinden;
Zum Spiegelbild ihr Rasen mir
entseelend,
Zum stummen Marmor, dem die
Pulse schwanden,
Der eignen Brust Gewalten frei
entbinden.
* vor 1870
Der Taten höchste nenn’ ich
Weltbetrachtung,
Wenn frei der Blick aus
dumpfer Schwüle tritt
Und über tote Lettern mit
Verachtung,
Mit Lächeln über dürre Kränze
glitt.
Herein, du Licht
allgegenwärt’ger Sonne;
Vergolde mir der Erde
schwangern Leib!
Des Schauspiels Fülle sei der
Sinne Wonne
Und die Entsagung sei mein
holdes Weib.
Und weil du machst, daß man
um’s Dunkel wisse
Und spiegelnd aus den Augen
widerstrahlst,
So weise mir der Herzen
Finsternisse,
Die du geklärten Glanzes
tiefer malst,
Und einen Schimmer wirf
gedämpften Schauens
In eine Nacht des Wirrsals uns
des Grauens.
* vor 1870
I.
Bild meiner Jugend, wie du
mich erschütterst!
Heimlicher Tränen
unversieglich Naß!
Wie mächtig mein Erinnern du
durchzitterst
Mit trüber Schwermut, ach, und
dumpfem Haß!
Wohl mir, daß sie gestaltet
mich verließen,
Die Geister, die die sieche
Brust genährt.
Der Stab der Dichtung läßt sie
mich umfließen
Und zieht den Zauberkreis, der
ihnen wehrt.
Im Zwitterantlitz herbe
Leidenszüge
Entwallen sie wie Dunst zum
schwarzen Styx,
Bastarde einer Welt der
Schlangenlüge
Und eines trugbetörten
Unschuldsblicks.
Dank dir, Apollo! lehrtest du
sie bannen
Und vollen Klangs ein heiliges
Ermannen.
II.
Ich möchte niemand einen Blick
gewähren
In meiner Jugend wahnbedrohte
Brust.
Ein Schreckensmärchen währte
der zu hören,
Von Eitelkeit erdacht und
Fabellust.
Wie mancher schied von hier,
enterbt vom Glücke,
der Wonne nur geträumt, doch
Schmerz gefühlt;
Dem Tantals Äpfel wie des
Schicksals Tücke
Und Geier nur im wunden
Fleisch gewühlt.
Und fragst du mich, wie im
emporgefunden
Aus meines Elends dumpfem
Labyrinth;
Wer Labung bot und Balsam goß
in Wunden,
Wer Helle wies und reinen
Himmelswind?
Kein Lebender hat Rettung mir
geboten;
Es war der Geistergruß der
großen Toten.
* vor 1870
Ein Chaos war mein Herz, ein
schwangres Dunkel,
Das schmerzlich sich aus reger
Tiefe wand.
Ein Unstern flammte dräuendes
Gefunkel,
In kalter Nacht ein grauser
Himmelsbrand.
Als Sonnengott erschienst du
mir, o Dichtung.
Du legst mit warmem Strahlen
dich ans Herz,
Entbindest seinen Schoß mit
sanfter Schlichtung
Und lockst in schöne Formen
Luft und Schmerz.
Den Reiz zum Bild, Gefühl zu
Licht verklärend
Hauchst Du des Himmels Miene
selbstisch an,
Befreit die Brust, das Element
beschwerend,
Beseelt den Stoff, verkörpert
ihren Wahn.
Das leichte Herz bestaunt sein
eignes Tagen
Und fühlt die Welt von seinem
Puls getragen.
* vor 1870
Es schmeichelt sich mein Geist
im Allbesitze
Und wiegt olympisch sich in
Apathie.
Zum Schöpfungslicht verklärt
er seine Blitze
Und Visionen haucht in
Melodie.
Der Freude leiht er flatternde
Gewande,
Geleitet sie auf blumenfrische
Au;
Die Trauer führt zum öden
Klippenstrande
Und ihre Zähren mischt zum
Wellengrau.
Auf Frühlingswiesen mag die
Sehnsucht schwärmen,
Wo die Schalmei zu blassen
Wolken tönt;
Am stillen Herde sich die
Liebe wärmen,
Wo an das Strohdach sich der
Fruchtbaum lehnt.
Doch seines Hasses todeskaltes
Schauen
Bannt er zu Schlangen in ein
nächtig Grauen.
* vor 1870
Fliehst du die Pest? des
hohlen Hungers Kreide?
Des Krieges blutgetränkten
Geiselschwung?
Du schauderst vor dem Hauch,
dem Aschenkleide,
Und vor des Knochenarms
Umklammerung.
Schreckt dich, von Wut
beschäumt, des Meeres Rachen?
Mit grimmer Faust der tobende
Orkan?
Die Feste wankt, und unter
Donnerkrachen
Speit sie die Glut des Hasses
himmelan.
Gerechte Zucht für ein
Geschlecht des Frevels,
Aus Nacht gezeugt, das Grimm
und Neid zerreißt.
Doch Fluch dem Garten auf dem
Pfuhl des Schwefels,
Dem Lächeln, das auf
Buhlerwellen gleißt.
Zephyre wehn, die Sinne zu
berauschen,
Indes im Abgrund längst die
Würger lauschen.
* vor 1870
Die Sünde soll auf spitzen
Scherben schreiten,
Sie blute ächzend auf dem
Marterpfahl.
Die Reue mag sie stieren
Blicks geleiten
Und die Verzweiflung summe den
Choral.
Doch wer belangt den
Höllengeist der Lüge,
Der winkend unser schwaches
Herz betört?
Er borgt des Retters edle
Strahlenzüge
Und fälscht das Wort, das hohe
Eide schwört.
Er schwingt die Fackel im
Geheul der Horden,
Er drückt die Klinge in der
Rache Faust,
Er buhlt verschämt aus dunklen
Augenborden
Und mischt den Trank, der
durch die Schläfen braust.
Das ist die Schuld, die dich,
o Himmel, schändet,
Der Sünder straft und eitle Toren
blendet.
* vor 1870
Ich kenne sie, die
meuchlerischen Stunden,
Wo Argwohn grinsend sich zur
Lehne neigt,
Wo Eiter tropft aus alten
Herzenswunden
Und Zweifel sein Gespinst um
alles zweigt.
Das zischelt mir ins Ohr vom
Zufall Wäre;
Zur Fabel wird das Äthers
Huldgeschlecht.
Es mäht die Zeit, und Alles
stürzt ins Leere
Und Schmach und Siechtum
schändet ihren Knecht.
Die Tugend ist nur heuchelnde
Grimasse
Und eine Wahrheit nur: des
Grabes Moos.
Stets war die Übermacht beim
Neid und Hasse
Und schwanger war Lukretias
keuscher Schoß.
Ha, Scheusal! Hemme Deines
Hohnes Lachen!
Dich spie ans Licht der
tiefste Höllenrachen.
* vor 1870
Du pflanztest, Orpheus, Herzen,
die da schlagen,
Du hauchtest Puls in jegliche
Gestalt.
Da rauscht das Meer von grauen
Göttersagen,
Vom Nymphenzug der hohe
Zedernwald.
Du stahlst die Freiheit aus
dem weiten Busen,
Du wogst des Staubes Grane,
Epikur.
Gesetz und Formel bannt den Tanz
der Musen
Und eines Müssens Woge wird
Natur.
O, ein Olymp für euch, erhabne
Götter,
Und für erhobne Lippen Ohr und
Huld!
Leiht euern Arm, bereite,
starke Retter,
Und spült hinweg der Schwäche
Kinderschuld.
Du schweigst, o Vater Zeus?
Das Ja der Herzen
Muß es auch dort des
Schicksals Nein verschmerzen?