Georg Albert                          Die Muse

* vor 1870

Die Muse reichte lächelnd mir die Feder

Und legt’ auf meine Schulter ihre Hand.

Ein wallend Feuer zog durch mein Geäder,

Dieweil sie hohen Hauptes bei mir stand.

 

Es floß ihr Wort in ungehemmte Züge

Und füllte süßen Klangs ein lauschend Blatt.

Ich sah mich um zur Feindin aller Lüge,

Gestillten Geistes und das Herze satt.

 

Versuch’ ich’s wohl, ihr Auge festzuhalten,

Das wie aus blauer Ferne niedersah?

Es sog mein Blut in dämmernde Gestalten

Und zog entselbstet mich dem Äther nah,

 

Und alle Wehen, die sein Mark zerrissen,

Ergoß mein Herz in Schauen und in Wissen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Bekenntnis

* vor 1870

Ich schaue diese Welt im Wunderspiegel

Und meinem Geist gebiert sie die Gestalten.

Ein finstres Los seh’ ich die Zeit entfalten

Und meine Stirne krönt des Wahnes Siegel.

 

Doch meine Stirne krönt des Wahnes Siegel.

Gelähmt und kraftlos treffen mich Gewalten.

In Herrschersinn und Sklavenleid gespalten

Verwünsch’ ich meines Ursprungs Hexentiegel.

 

Mein Gaumen lechzt nach jenem Feuertranke,

Der Taten gießt in heißdurchwallte Adern,

Hinab zur Walstatt reißt ein prüfend Zaudern.

 

Mich aber treibt die See, die sturmesschwanke,

Wo ich bestaune wilder Schäume Hadern

Und meines Schiffbruchs harre, bleich, mit Schaudern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Stumme Leiden

* vor 1870

Mein Gram ist stumm; denn dieses Herz ist spröde

Und pflegt mit Sternen stille Zwiesprach nur.

Wie’s auch erbebe scheu in bängster Öde,

Nicht weisen Blick und Mund Verräterspur.

 

Denn tief bewußt gebietender Gesetze,

Die seinen Lebenspulsen einverleibt,

Läßt es den Dämon weben Schicksalsnetze,

Wenn er sie warnet oder schneller treibt.

 

Doch weil zu wandeln nicht die Lenkgewalten,

Der Bund besiegelt jener Not und Hast,

Als ich in dämmrungsschwangerem Entfalten

Mit Dank die dunkle Helferhand gefaßt:

 

Sei, was kein Feilschen mindert, ausgetragen,

Geheime Lust erkauft mit stillen Plagen.

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Mein Evangelium

* vor 1870

Mich kümmern wenig graue Göttersagen,

Um die betäubend Priesterhader schwillt,

Äonen messend nach Minutentagen,

Am Lauterborn der Wahrheit nie gestillt.

 

Mich lassen kalt die eitlen Denkerfragen;

der Zeit Idol, dem Menschenringen gilt;

Kalt all ihr Werben, Hoffen, Zürnen, Wagen,

Was ihre Zunge preiset, was sie schilt.

 

Zum Kelch der Blume rolle meine Träne,

Mein Seufzer sei im Hauch der Nacht entführt,

Aus Sternen lächle, Reich, das ich ersehne,

 

Und was an Leid und Lust das Innre rührt,

Dies sei das Buch, das frei die Hand beschwöret,

Von keinem Wahn und keinem Wort betöret.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Zuflucht

* vor 1870

Laß stumpfen Pöbel sich an Götzen weiden,

Das Knie zu scheuem Knechtesdienst gebeugt.

Dir nennt das Herz, was reine Seelen meiden;

Der Frevel ist’s, der Wahn und Herren zeugt.

 

Betaut vom Schimmer ew’ger Schöpfersterne

Stimmst du das Weihelied der Brüderschaft.

Mit tausend Lichtern winkt die freie Ferne,

Wenn du des Weihrauchs Fratzen dich entrafft.

 

Von Ammenwitzgespenstern nicht ein Glauber,

Von nüchternem Pedantenübermut,

Ehrst du der Welt stets gegenwärt’ge Zauber,

Die götternährend im Ureignen ruht.

 

So wird Natur in Wundern sich entfalten

Und Wirklichkeit lebend’gen Traum gestalten.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Entschluß

* vor 1870

Dein Herr, o Erde, ist ein Geist der Lüge

Und haucht Verblendung in der Herzen Tiefe.

Sein blindes Netz verfälscht urew’ge Züge,

Ob auch die Wahrheit aus den Steinen riefe.

 

Irrsalerzeugend trübt er blöde Blicke,

Erhöht ein Wahngebild zum Weisheitsschatze;

Den Zungen leiht er gleisnerische Tücke,

Täuscht mit der Weihe nachgeäffter Fratze.

 

Ich aber will, im Auge wüstes Elend

Und seine Allmacht, schmeichlerischen Banden,

Dem Weh fortan, dem Jubel mich entwinden;

 

Zum Spiegelbild ihr Rasen mir entseelend,

Zum stummen Marmor, dem die Pulse schwanden,

Der eignen Brust Gewalten frei entbinden.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Geisteslicht

* vor 1870

Der Taten höchste nenn’ ich Weltbetrachtung,

Wenn frei der Blick aus dumpfer Schwüle tritt

Und über tote Lettern mit Verachtung,

Mit Lächeln über dürre Kränze glitt.

 

Herein, du Licht allgegenwärt’ger Sonne;

Vergolde mir der Erde schwangern Leib!

Des Schauspiels Fülle sei der Sinne Wonne

Und die Entsagung sei mein holdes Weib.

 

Und weil du machst, daß man um’s Dunkel wisse

Und spiegelnd aus den Augen widerstrahlst,

So weise mir der Herzen Finsternisse,

Die du geklärten Glanzes tiefer malst,

 

Und einen Schimmer wirf gedämpften Schauens

In eine Nacht des Wirrsals uns des Grauens.

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Vom Jugendleid

* vor 1870

I.

 

Bild meiner Jugend, wie du mich erschütterst!

Heimlicher Tränen unversieglich Naß!

Wie mächtig mein Erinnern du durchzitterst

Mit trüber Schwermut, ach, und dumpfem Haß!

 

Wohl mir, daß sie gestaltet mich verließen,

Die Geister, die die sieche Brust genährt.

Der Stab der Dichtung läßt sie mich umfließen

Und zieht den Zauberkreis, der ihnen wehrt.

 

Im Zwitterantlitz herbe Leidenszüge

Entwallen sie wie Dunst zum schwarzen Styx,

Bastarde einer Welt der Schlangenlüge

Und eines trugbetörten Unschuldsblicks.

 

Dank dir, Apollo! lehrtest du sie bannen

Und vollen Klangs ein heiliges Ermannen.

 

 

 

II.

 

Ich möchte niemand einen Blick gewähren

In meiner Jugend wahnbedrohte Brust.

Ein Schreckensmärchen währte der zu hören,

Von Eitelkeit erdacht und Fabellust.

 

Wie mancher schied von hier, enterbt vom Glücke,

der Wonne nur geträumt, doch Schmerz gefühlt;

Dem Tantals Äpfel wie des Schicksals Tücke

Und Geier nur im wunden Fleisch gewühlt.

 

Und fragst du mich, wie im emporgefunden

Aus meines Elends dumpfem Labyrinth;

Wer Labung bot und Balsam goß in Wunden,

Wer Helle wies und reinen Himmelswind?

 

Kein Lebender hat Rettung mir geboten;

Es war der Geistergruß der großen Toten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Apollo-Helios

* vor 1870

Ein Chaos war mein Herz, ein schwangres Dunkel,

Das schmerzlich sich aus reger Tiefe wand.

Ein Unstern flammte dräuendes Gefunkel,

In kalter Nacht ein grauser Himmelsbrand.

 

Als Sonnengott erschienst du mir, o Dichtung.

Du legst mit warmem Strahlen dich ans Herz,

Entbindest seinen Schoß mit sanfter Schlichtung

Und lockst in schöne Formen Luft und Schmerz.

 

Den Reiz zum Bild, Gefühl zu Licht verklärend

Hauchst Du des Himmels Miene selbstisch an,

Befreit die Brust, das Element beschwerend,

Beseelt den Stoff, verkörpert ihren Wahn.

 

Das leichte Herz bestaunt sein eignes Tagen

Und fühlt die Welt von seinem Puls getragen.

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Bilder des Herzens

* vor 1870

Es schmeichelt sich mein Geist im Allbesitze

Und wiegt olympisch sich in Apathie.

Zum Schöpfungslicht verklärt er seine Blitze

Und Visionen haucht in Melodie.

 

Der Freude leiht er flatternde Gewande,

Geleitet sie auf blumenfrische Au;

Die Trauer führt zum öden Klippenstrande

Und ihre Zähren mischt zum Wellengrau.

 

Auf Frühlingswiesen mag die Sehnsucht schwärmen,

Wo die Schalmei zu blassen Wolken tönt;

Am stillen Herde sich die Liebe wärmen,

Wo an das Strohdach sich der Fruchtbaum lehnt.

 

Doch seines Hasses todeskaltes Schauen

Bannt er zu Schlangen in ein nächtig Grauen.

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Falsche Welt

* vor 1870

Fliehst du die Pest? des hohlen Hungers Kreide?

Des Krieges blutgetränkten Geiselschwung?

Du schauderst vor dem Hauch, dem Aschenkleide,

Und vor des Knochenarms Umklammerung.

 

Schreckt dich, von Wut beschäumt, des Meeres Rachen?

Mit grimmer Faust der tobende Orkan?

Die Feste wankt, und unter Donnerkrachen

Speit sie die Glut des Hasses himmelan.

 

Gerechte Zucht für ein Geschlecht des Frevels,

Aus Nacht gezeugt, das Grimm und Neid zerreißt.

Doch Fluch dem Garten auf dem Pfuhl des Schwefels,

Dem Lächeln, das auf Buhlerwellen gleißt.

 

Zephyre wehn, die Sinne zu berauschen,

Indes im Abgrund längst die Würger lauschen.

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Die Schuld der Götter

* vor 1870

Die Sünde soll auf spitzen Scherben schreiten,

Sie blute ächzend auf dem Marterpfahl.

Die Reue mag sie stieren Blicks geleiten

Und die Verzweiflung summe den Choral.

 

Doch wer belangt den Höllengeist der Lüge,

Der winkend unser schwaches Herz betört?

Er borgt des Retters edle Strahlenzüge

Und fälscht das Wort, das hohe Eide schwört.

 

Er schwingt die Fackel im Geheul der Horden,

Er drückt die Klinge in der Rache Faust,

Er buhlt verschämt aus dunklen Augenborden

Und mischt den Trank, der durch die Schläfen braust.

 

Das ist die Schuld, die dich, o Himmel, schändet,

Der Sünder straft und eitle Toren blendet.

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Philosophie des Teufels

* vor 1870

Ich kenne sie, die meuchlerischen Stunden,

Wo Argwohn grinsend sich zur Lehne neigt,

Wo Eiter tropft aus alten Herzenswunden

Und Zweifel sein Gespinst um alles zweigt.

 

Das zischelt mir ins Ohr vom Zufall Wäre;

Zur Fabel wird das Äthers Huldgeschlecht.

Es mäht die Zeit, und Alles stürzt ins Leere

Und Schmach und Siechtum schändet ihren Knecht.

 

Die Tugend ist nur heuchelnde Grimasse

Und eine Wahrheit nur: des Grabes Moos.

Stets war die Übermacht beim Neid und Hasse

Und schwanger war Lukretias keuscher Schoß.

 

Ha, Scheusal! Hemme Deines Hohnes Lachen!

Dich spie ans Licht der tiefste Höllenrachen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Georg Albert                          Götter und Gesetze

* vor 1870

Du pflanztest, Orpheus, Herzen, die da schlagen,

Du hauchtest Puls in jegliche Gestalt.

Da rauscht das Meer von grauen Göttersagen,

Vom Nymphenzug der hohe Zedernwald.

 

Du stahlst die Freiheit aus dem weiten Busen,

Du wogst des Staubes Grane, Epikur.

Gesetz und Formel bannt den Tanz der Musen

Und eines Müssens Woge wird Natur.

 

O, ein Olymp für euch, erhabne Götter,

Und für erhobne Lippen Ohr und Huld!

Leiht euern Arm, bereite, starke Retter,

Und spült hinweg der Schwäche Kinderschuld.

 

Du schweigst, o Vater Zeus? Das Ja der Herzen

Muß es auch dort des Schicksals Nein verschmerzen?